Warum dieses Wiki
Aus WorkingClassStudents
WorkingClassStudents ist eine Internetpräsenz für und von studierenden "Arbeiterkindern". Dieses Wiki soll dazu beitragen, dass Arbeiterkinder sich aktiv gegen Diskriminierungen, vor allem den Benachteiligungen im Bildungssystem einsetzen. Auch Menschen, die nicht studierende Arbeiterkinder sind, können sich konstruktiv an diesem Wiki beteiligen.
WorkingClassStudents soll dazu beitragen, dass Arbeiterkinder die Gemeinsamkeit ihrer Interessen wahrnehmen und durchsetzen.
Inhaltsverzeichnis |
Identitätspolitik
Es geht in diesem Wiki nicht nur darum, für eine formelle Chancengleichheit einzutreten, sondern auch darum, die Stärken von Arbeiterkindern herauszuarbeiten. Es geht um Potentiale, die unter den Tisch fielen, würde man Arbeiterkinder nur in das bürgerliche System integrieren wollen.
Natürlich ist es problematisch identitätspolitisch zu arbeiten, von "dem Arbeiterkind" zu sprechen, als seien alle diese Arbeiterkinder gleich. Dennoch macht es Sinn, in der jetztigen Situation die Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Wenn wir von "Arbeiterkindern" sprechen, die sich auf sich beziehend aktiv werden wollen, dann geht es um die "Repolitisierung des Politischen". Diese Repolitisierung ist, wenn sie mit dem Konzept des Anti-Klassismus einhergeht, verbunden mit der feministischen Erkenntnis, dass das Persönliche politisch ist. Es geht also nicht nur um alte Klassenkampfparolen, sondern um ein neues Feld des "Klassenkampfes", welcher auch die subtilen und weniger subtilen Diskriminierungen des Alltags benennt.
Es gibt nicht das Arbeiterkind...
Wenn von "Arbeiterkindern" gesprochen wird, dann wird damit von den Unterschieden abstrahiert, die es zwischen Arbeiterkindern gibt. Im Folgenden sind nur einige Differenzen aufgelistet, die sich noch erweitern ließen
Unterschiede zwischen Arbeiterkindern
- geschlechtsspezifische und migrationsspezifische Differenzen (z.B. hier aufgewachsene türkische Arbeitertochter, schottischer Arbeitersohn (Erasmus-Student)
- Stadt/Land-Differenzen (z.B. bayrisches Dorf / Kreuzberg)
- Ost/West-Differenzen
- generationelle Differenzierungen (z.B. seit Generationen BäuerInnen / Großelterngeneration mütterlichseits waren Kaufleute)
- Jahrgänge/Alter (Arbeiterkinder die in den 1970er Jahren zur Schule gingen machten andere Erfahrungen als Arbeiterkinder, die in den 1990er Jahren zur Schule gingen)
- Differenzen im kulturellen und finanziellen Vermögen und dem sozialen Netzwerk der Eltern (Z.B. Hilfsarbeiter, alleinerziehende Angestellte, Arbeiteraristokratie)
- Differenzen in der Elternmobilität (z.B. Eltern waren Textilarbeiter und sind jetzt arbeitslos / die Mutter hat in den letzten 15 Jahren Bildungsabschlüsse nachgeholt)
...aber es gibt Arbeiterkinder
Der Begriff "Arbeiterkinder" ist nicht so wichtig. Vielleicht ist er überholt, nicht treffend, abschreckend. Wichtig ist die Gruppe, für die er steht, für den "Gegenstand", den er beschreibt. Die Bildungsbenachteiligung, die in Deutschland stattfindet, wird in zahlreichen Studien konstatiert und selbst der Bundespräsident spricht inzwischen davon, dass die Chance von Facharbeiterkindern zu studieren beschämend gering sei.
Im sehr lesenswerten Nachwort zur aktuellen Studie "Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag" spricht Franz Schultheis von einer "Gesellschaft ohne Eigenschaften", einer Gesellschaft, in der es ein beachtliches Maß an Sprachverlust bzw. Sprachzerstörung gebe. Begriffe wie "Klassen", "Schichten", "Hierachie" oder "Elite" wirkten seltsam hohl und seien oftmals bei der Nennung mit Gefühlen von Scham und Peinlickeit begleitet, wie sie normalerweise "Fehltritte bei den Regeln guten Benehmens begleiten". Weiter schreibt er:
- "Im Zentrum dieses Wandels steht eine ambivalente Figur: der Arbeiter. [... es gibt] sie noch, die Welt des Arbeiters, und ihn selbst gibt es auch noch, denn immerhin gehören der Kategorie "Arbeiter", einer ja arbeits- und sozialversicherungsrechtlich "geschützten" Kategorie, noch einige Millionen Mitbürger an. Es handelt sich demnach keineswegs um eine zu vernachlässigende Randgruppe, auch wenn sie tatsächlich massiv an gesellschaftlicher Sichtbarkeit und Kohärenz, Aufmerksamkeit und Anerkennung verloren zu haben scheint." (Franz Schultheis: Gesellschaft ohne Eigenschaften, in: Franz Schultheis u.a. (Hrsg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2005, S.576)
Ob es sinnvoll ist, dass Arbeiterkinder ein "Wir" - die Gemeinsamkeiten statt der Differenzen - betonen, hängt von der politischen Situation ab. Vergleichen wir beispielsweise die Situation der Arbeiterkinder mit der von Menschen mit homosexuellen Orientierungen, so befinden wir uns in bestimmter Hinsicht in deren Situation der 1970er Jahre. In dieser Zeit war es für die Coming-Out-Geschichten der Schwulen und Lesben wichtig, gleiche Geschichten zu erzählen, einen Wiedererkennungswert zu finden, ein Wir zu konstituieren, um aus der Isolation herauszubrechen. Heute hingegen ist für Schwule und Lesben die Differenzierung wichtig. Es gibt starke Homosexuellen-Verbände und Transgender-Gruppen die zu ihnen in Opposition stehen. Sie schafften es auf europäischen Ebene, dass in den Antidiskriminierungs-Gesetzen die sexuelle Orientierung eine Rolle spielt. Eine derartige Lobby haben Arbeiterkinder nicht. In keinem der europäischen Antidiskriminierungsregelungen, auch nicht im deutschen Gleichstellungsgesetz, ist davon die Rede, dass es keine Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft geben dürfe. Dies ist ein Rückschritt gegenüber dem Grundgesetz. Daher brauchen wir eine Lobby. Und studierende Arbeiterkinder sind Arbeiterkinder, die starke kulturelle Ressourcen aufweisen und manchmal auch über einflussreiche soziale Netzwerke verfügen - sie müssen sich nur organisieren. Eine Forderung, die Gabriele Theling schon Anfang der 1980er Jahre aufstellte, die aber nun dank der neuen Möglichkeiten des Internets und dem Druck durch Studiengebühren und Sozialabbau sehr viel leichter umzusetzen ist als je zuvor.
Daher dieses Wiki
Eine Plattform für Arbeiterkinder erscheint daher sinnvoll.
Und ein Wiki für Arbeiterkinder kommt wahrscheinlich der Arbeitsweise von Arbeiterkindern sehr entgegen. Es gibt kaum Studien über die Arbeitsweise von studierenden Arbeiterkindern, aber die wenigen Studien weisen darauf hin, dass ihre Art zu schreiben und zu forschen stärker auf Kommunikation, auf kurzen Texten, auf Reversibilität beruht; niedrige Hemmschwellen und egalitäre Gruppen sind wichtig. Ein Wiki scheint der Arbeitsweise von Arbeiterkindern sehr entgegen zu kommen, zumal die Definitionen bestimmter Begriffe und Sachverhalte, im Internet oder im Wiki selbst, schnell gefunden werden können.
Mit diesem Wiki soll eine Informations-, Organisations- und Diskussionsplattform geschaffen werden, in der sich studierende Arbeiterkinder kritisch-solidarisch mit sich auseinandersetzen und für eine Abschaffung des Klassensystems nicht nur in der Bildung, einsetzen können.
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